«Wenn Spieler nur folgen, geben sie nie hundert Prozent»
Ignacio «Nacho» Verdi ist Headcoach von Volley Näfels – laut, leidenschaftlich, reflektiert. Wer ihn an der Seitenlinie erlebt, sieht Emotionen. Wer genauer hinhört, merkt schnell: Es geht um weit mehr als Volleyball.
Ignacio Verdi wirkt als Coach von Volley Näfels konzentriert und gefasst. Mit klaren Gesten und Worten steht der 36-jährige Argentinier an der Seitenlinie. Wenn er jubelt, dann voller Emotionen. Ärgert ihn etwas, ist es im nächsten Moment vorbei. «Ich will nicht aggressiv sein. Ich versuche, das Positive zu sehen. Früher habe ich mich zu sehr auf Fehler fixiert, heute achte ich zuerst darauf, was funktioniert», erklärt er. Während der Timeouts wird er zum Turbo, spricht laut und schnell. Ob die Spieler ihn bei all dem Lärm verstehen? «Ich bin mir nicht sicher», gesteht Verdi und lacht. Deshalb habe er sich angewöhnt, weniger zu reden und stattdessen mit Schlüsselwörtern zu operieren. Während der Trainings läuft oft laute Musik. Die Idee dahinter ist simpel: «Im Spiel ist es laut, alle schreien. Ihr müsst trotzdem nur auf mich hören, meine Stimme herausfiltern», erklärt er seinen Spielern.
Das Tagebuch auf dem Arm
Auf dem Volleyballparkett fühlt sich der Coach am wohlsten, dort sei er «die beste Version» seiner selbst. Er habe auch eine andere Seite und erklärt: «Ich bin sehr schüchtern, so sehr, dass mir ein öffentliches Happy Birthday peinlich ist, und ich rot werde.» Auffallend sind seine Tattoos an den Armen. Seine Familie war anfangs wenig begeistert, er selbst umso mehr. «Das sind Erinnerungen. Momente, Bilder, Daten - es ist wie ein Tagebuch.»
Seit 2022 lebt Verdi in der Schweiz, zuerst in Luzern, seit vorletztem Sommer in Näfels. Der Wechsel in die Schweiz war ein markanter Schnitt. Jenseits seiner Komfortzone war er hier allein, ohne Familie. Aber er kam für etwas, «wovon ich als Kind träumte – als professioneller Volleyballtrainer zu arbeiten.» Den Preis, den er dafür bezahlt sind Abschied und Heimweh, das in Wellen kommt - an Geburtstagen, an Weihnachten, an Neujahr. Er spricht offen darüber, dass er gelernt hat, mit diesem Vermissen umzugehen. «Wer einen Traum lebt, verliert gleichzeitig die besonderen Momente mit der Familie», erklärt er. Seine Familie, wohnt in Buenos Aires und ist sportlich geprägt. Der Vater ist Basketballtrainer, die Mutter Psychologin, der Bruder Physiotherapeut bei den Fussballern der Boca Juniors, dem Herzensverein von Familie Verdi. Ein Spiel mitten in der Nacht? Keine Frage, da steht Verdi auf und verfolgt es live.
Ein System der Verantwortung
Die geografische Distanz zur Heimat prägt sein Privatleben. Eine Fernbeziehung über tausende Kilometer empfindet er als schwierig. Die Beziehung zur Partnerin sei mehrfach beendet und wieder aufgenommen worden. Schliesslich habe er eingesehen, dass es egoistisch gewesen wäre, sie von einem Wechsel in die Schweiz zu überzeugen, «da ich damit ihre berufliche Laufbahn meinem Traum untergeordnet hätte.».
Über die Schweiz spricht er mit Bewunderung. Sie sei «fast perfekt» – nicht, weil alles schöner sei, sondern weil alles funktioniere, was ein riesiger Kontrast zu Argentinien sei. Als Beispiel nennt er die Pünktlichkeit im öV. «Hier weiss man, wann man ankommt, dort nicht.» Was ihn dabei fasziniert, ist die Mentalität dahinter: Jeder respektiert seine Rolle, niemand «geht auf deinen Platz». Für Verdi ist das mehr als Kultur, es ist ein System – und genau dieses System sucht er auch im Sport. Seine Trainerphilosophie ist: Verantwortung, Beteiligung statt blosser Anweisung. Er will nicht, dass Spieler nur «folgen – dann geben sie nicht hundert Prozent.» Seine Werte sind nicht verhandelbar: Ehrlichkeit, Respekt, volle Hingabe. Er pflegt bewusst auch die Nähe zu den Spielern, obwohl manche Trainer Distanz für Pflicht halten. Ein Moment, auf den er stolz ist: als ein Spieler während eines Spiels das Whiteboard wollte, um etwas zu erklären. «Das war kein Kontrollverlust, sondern geteilte Verantwortung.»
In Näfels angekommen – als Coach und als Mensch
In Näfels fühlt er sich zu Hause. In Luzern sei er noch Gastarbeiter auf Zeit gewesen. In Näfels machte es eines Tages «klick». Hier ist er nicht nur Head-Coach, sondern Nacho (Rufname für Ignacio, Anm. der Red.) - im Supermarkt, auf der Strasse oder wie er sagt «ein Bürger mehr». Er mag es, wenn die Leute sagen: Hey Nacho, wie geht es und ein paar Worte wechseln. Das Glarnerland habe seinen persönlichen Rhythmus verändert: langsamer, leiser, friedlicher. Es habe drei Monate gedauert, um den Schalter umzulegen. Mittlerweile versucht er diesen Schalter sogar während der Spiele zu finden: hoch emotional coachen – und danach wieder runterfahren, «weil ich am Ende der Coach bin».
Nicht Resultate, sondern Entwicklung
Zum Verein äussert er sich mit Respekt und mit einer Projektidee. Er lobt den Einsatz, das Rollenverständnis und den gemeinsamen Willen, sich in der höchsten Liga zu behaupten. Was er wünscht, ist ein Nachwuchsprojekt. Weniger Fokus auf Resultate, mehr auf Entwicklung mit klaren Zielen für jede Altersstufe. «Nicht Spiele gewinnen, sondern Spieler entwickeln, um aus begrenzten Mitteln das Maximum herauszuholen», so sein Plan.
In dieser Saison hat das NLA-Team eine argentinische Note mit vier Argentiniern. Das Quartett pflegt ein Ritual. Nach jedem Spiel wird gemeinsam gegessen - bei Koch Nacho. «Es geht nicht nur ums Essen, sondern ums Zusammensein und Heimatgefühl.» So unterstützt er die Integration seiner zwei jungen Landsleute in deren erstem Jahr weit ab ihrer Heimat.
Der schönste Moment? Das Spiel gegen Amriswil – wegen des Niveaus und weil wir lange auf einen Sieg warteten. Wenn man ihn nach seinem Schlussbild fragt, wird er bildhaft: «Wir sind wie ein grosses Auto. Jeder im Team ist ein entscheidendes Teil davon, egal wie gross oder klein dieses ist. Ich versuche ein Team zu bauen, in dem sich jeder wichtig fühlt.»

Ignacio «Nacho» Verdi: Der 36-jährige Argentinier steht seit Herbst 2024 als Headcoach an der Seitenlinie von Volley Näfels

Klare Botschaften im Lärm: In den Timeouts spricht Verdi schnell und prägnant – mit gezielten Schlüsselwörtern stellt er sicher, dass seine Anweisungen trotz Hallenlärm ankommen

Emotion pur: Gelungene Aktionen und Siege lassen bei Nacho keine Zweifel an seiner Leidenschaft – der Coach jubelt mit voller Intensität

Ein Stück Heimat in der Fremde: Die argentinische Gemeinschaft trifft sich nach den Spielen bei «Koch Nacho» zu geselligen Abenden

Zuhause in Buenos Aires: Mama Marcela mit ihren beiden Söhnen Guido und Nacho – Familie als emotionales Fundament

Tiefe Verbundenheit: Familie Verdi und die Boca Juniors – Vater Luis mit Guido und Nacho im legendären Stadion

Geteilte Freude: Nacho lebt jede besonders gelungene Aktion mit seinen Spielern – Emotionen werden gemeinsam gefeiert

Volle Konzentration: Mit Argusaugen verfolgt Verdi jede Aktion auf dem Feld, stets aufmerksam und präsent

Teamspirit: Jeder im Team trägt zum Erfolg bei – und genau das wird nach dem Schlusspfiff gemeinsam zelebriert

Erzählende Tattoos: Nachos tätowierte Arme sind sein persönliches Tagebuch – jedes Motiv ein Kapitel seiner Geschichte


























































































