Vom Flüchtling zum Teamkollegen – wie Volleyball Zaki Rahimi Heimat gab
Im Frühjahr 2015 verlässt Zaki Rahimi seine Heimat Kabul mit dem festen Willen, sich ein neues Leben aufzubauen. Heute wohnt der 27-jährige Maurer in Glarus, spielt Volleyball und sagt: «Ich bin hier zuhause.»
Als Zaki Rahimi zum ersten Mal in Ennenda aus dem Zug steigt, bleibt er stehen, schaut hinauf zu den Felsen des Glärnischs und Schilts. «Ich bin in Kabul - auch zwischen Bergen aufgewachsen - aber als ich hier links und rechts diese mächtigen Wände sah, dachte ich: Wo bin ich gelandet?» An die Wucht der Berge musste er sich erst gewöhnen. Mehr als einen Monat brauchte er dafür. Und heute? «Ich könnte nicht mehr weg von hier. Ich muss Glarus jeden Tag sehen», sagt er.
Heute nennen ihn hier alle einfach Zaki. «Herr Rahimi sagte nur mein Berufsschullehrer am Anfang», erzählt er lachend. Vor wenigen Tagen feierte er seinen 27. Geburtstag – als junger Mann, der im Glarnerland angekommen ist.
Abschied ohne Rückfahrkarte
Aufgewachsen ist er zusammen mit zwei Brüdern in der Millionenmetropole Kabul. 2011 stirbt sein Vater. «Da war ich noch fast ein Kind. Doch wir hatten es nicht schlecht», sagt er. Geld sei nie das Problem gewesen, sein Vater habe gut verdient. Doch es fehlt die Perspektive. «Ohne Schule, ohne Ausbildung ist man dort nichts.» Vier Jahre später leben er und ein Bruder noch in Afghanistan, der andere bereits in Europa. Heute sind alle weg, einer seit 15 Jahren in Italien, der andere in Deutschland und Zaki im Glarnerland.
Sechs Monate zwischen Hoffnung und Erschöpfung
«Irgendwann sagte ich meiner Mutter: Ich will hier weg.» Zunächst glaubt sie nicht, dass er es ernst meint. Doch er meint es ernst. Der Abschied bleibt der einschneidendste Moment. «Ich war jung, kein Weichling», sagt er ruhig. «Aber was mich richtig auseinandergenommen hat, war der Moment, als meine Mutter weinte.» Trotzdem geht er – die Hoffnung auf eine Zukunft ist stärker als die Angst vor dem Ungewissen.
Die Reise führt zunächst nach Pakistan, weiter in den Iran und in die Türkei. Bis dorthin reist er mit einem Schlepper, danach allein. Oft geht es zu Fuss weiter – tagelang, nachts, Tausende Kilometer, mit 16 Jahren, minderjährig, ohne Papiere, abhängig von fremden Menschen. 25 Tage lang hat er keinen Kontakt zur Mutter. «Kein Telefon, keine Nachricht – das war psychisch das Schwerste.»
Von der türkischen Küste setzt er in einem Gummiboot nach Griechenland über. Das Meer ist dunkel, das Boot klein. «Man denkt nicht viel. Man funktioniert einfach.» Es folgen mehrere Länder des Balkans. Vieles verschwimmt in seiner Erinnerung. «Es ist mehr als zehn Jahre her. Aber ich weiss noch, wie müde ich war.» Mehrmals denkt er ans Umkehren. Doch die Vorstellung, wieder ohne Perspektive in Kabul zu sein, treibt ihn weiter. «Komm, es geht nicht mehr lange», sagt er sich. Sechs Monate dauert die Flucht.
In Italien fühlt er sich zum ersten Mal sicher. Eigentlich will er nach England. Doch nochmals Monate unterwegs zu sein kann er sich nicht vorstellen. «Ich mochte nicht mehr.» Also steigt er in einen Zug – und landet in Bellinzona. Von dort geht es weiter nach Bern, Basel und schliesslich ins Glarnerland.
Warten, lernen, durchhalten
Die ersten Jahre in der Schweiz sind vom Warten geprägt. Der Asylprozess zieht sich hin. Drei Jahre dauert es, bis er vorläufig aufgenommen wird. «Das war eine lange Zeit.» Doch Zaki nutzt sie: Er lernt intensiv Deutsch. Sprachen hätten ihn schon immer interessiert. «In der Schule lernte ich ab der vierten Klasse Englisch. Ich war eher der Streber und mochte Sprachen sehr», sagt er schmunzelnd. Über seine damalige Freundin findet er eine Schule in Zürich. Nach einem Probemonat darf er bleiben – ohne Kostenfolgen. «Die Schulleiterin sagte: Du bist ein guter, williger Schüler.» Seine Sprachkenntnisse helfen ihm auf der Flucht – und bei der Integration.
Deutsch wird zur Schlüsselkompetenz. «Ohne Sprache geht nichts», sagt er heute auf Schweizerdeutsch.
2019 beginnt er, knapp vier Jahre nach seiner Ankunft, eine Maurerlehre. Er schliesst sie erfolgreich ab und arbeitet seither auf dem Bau. «Das ist streng, geht an den Körper. Aber ich mache meinen Job gerne.» Diskriminierung habe er kaum erlebt. «Nur am Anfang der Lehre gab es einmal ein Problem mit einem Kollegen. Ich musste ins Büro gehen und sagen: Das geht nicht.» Es bleibt ein Einzelfall. «Sonst wurde ich fair behandelt.»
Integration beginnt mit Sprache – und mit einem Team
Richtig angekommen fühlt er sich erst später. Der Wendepunkt kommt über den Sport. Zaki will Volleyball spielen. Über den Vater seiner Freundin findet er den Weg zum MTV Netstal. «Ein Training pro Woche war mir zu wenig», sagt er lachend. Er schliesst sich auch Volley Näfels an, wo er heute in der 2. Liga spielt. In der Halle ist er nicht der Geflüchtete, sondern Mitspieler. Man schwitzt, verliert, gewinnt und feiert gemeinsam. Er hört Dialekt, lernt Redewendungen, versteht Witze. «Das war für mich wie eine Schule.» Viele seiner Kollegen sind Glarner. «Sie haben mir gezeigt, wie es hier läuft.» Der Sport war für seine Integration entscheidend. «Ohne Volleyball hätte ich nicht so viele Kollegen.» Der Näfelser Mannschaftsverantwortliche Dragan Kistler bezeichnet Zaki als «ein ausgezeichnetes Beispiel bester Integration». Das macht ihn stolz. «Ich freue mich, wenn Leute sagen: Er ist Ausländer, aber ein cooler Typ.» Dabei sei Herkunft für ihn selbst nebensächlich. «Mir kommt es nicht darauf an, woher ein Mensch kommt – aus Afrika, Asien, Amerika oder Australien. Entscheidend ist die Menschlichkeit.»
Die Mutter im Herzen, die Berge vor Augen
Eine weitere tragende Rolle spielt die Familie seiner langjährigen Freundin. «Sie wurden zu meiner eigenen Familie. Ich kann jederzeit zu ihnen gehen. Das war wichtig, damit ich mich hier zuhause fühle.» Dabei erinnert er sich an eine Situation: In der Schule sagt ein Mitschüler nach einem Zwist: «Geh doch nach Hause.» Zaki schaut ihn an und antwortet: «Ich bin hier zuhause.»
Die Verbindung zur Heimat hält er vor allem über seine Mutter aufrecht. «Mit ihr habe ich sehr häufig Kontakt, ebenso mit meinen Brüdern.» Seit seiner Flucht war er nie mehr in Afghanistan. «Heute vermisse ich ausser meiner Mutter und meiner Familie nichts mehr von diesem Land.» Doch der Wunsch bleibt, seine Mutter wieder einmal in die Arme zu schliessen – und nicht nur virtuell zu sehen. «Ich habe gemerkt: Ich muss meine Mutter besuchen.»
Integration ist geben und nehmen
Heute fühlt er sich als Afghane und Teil der Schweiz. «Ganz tief im Herzen bleibe ich meiner Heimat treu. Aber ich bin auf dem Weg Schweizer zu werden.» Die Einbürgerung sei irgendwann ein Thema. «Das ist der letzte Schritt.»
Was er sich für die Zukunft wünscht? «Ein gesundes Leben – und reisen.» Einmal um die Welt, das sei sein Traum.
Was könnte die Gesellschaft besser machen im Umgang mit Menschen wie ihm? Zaki überlegt kurz. «Ich habe alles erreicht, bekam alles. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich lebe hier ein normales Leben. Die Gesellschaft war mir gegenüber fair.» Jungen Menschen, die heute hier ankommen, gibt er einen einfachen Rat: «Lerne die Sprache. Mach eine Ausbildung. Integration ist geben und nehmen.»
Zaki arbeitet, trainiert, trifft Freunde – und blickt jeden Tag zu den Bergen hinauf. Vielleicht sind es diese Berge, die ihm zeigen, wie weit sein Weg ihn geführt hat. «Ich bin ein glücklicher Mensch. Ich bin hier angekommen.»

Zaki Rahimi: Der 27-Jährige lebt heute in Glarus, arbeitet als Maurer und spielt Volleyball beim MTV Netstal und Volley Näfels

Zaki ist hier längst angekommen: Über den Sport fand er Anschluss im Glarnerland

Warten auf den Ball, der gleich kommt: Geduld hat Zaki Rahimi gelernt – auch während der Jahre, in denen er auf seine Bewilligung wartete

Volleyball wurde für Zaki Rahimi zum Schlüssel seiner Integration

Gemeinsam gewinnen, gemeinsam verlieren: Bei Volley Näfels hat Zaki Rahimi eine zweite Familie gefunden

Leidenschaft: Zaki ist leidenschaftlicher Volleyballer

Detail am Spielfeldrand: Das Tattoo auf Zakis Wade erinnert an seine Leidenschaft für Volleyball

Den Ball im Blick – und die Zukunft vor sich: Zaki Rahimi


























































































