Es genügte mir nicht nur der zweitbeste Passeur zu sein
Leonardo Carvalho (36) stammt aus Niteroí im Bundesstaat Rio de Janeiro und ist ausgebildeter Sportlehrer und Volleyballtrainer. Der Nichtraucher, als Fisch ein sehr sensibler Typ, hat sich seit seinem elften Lebensjahr dem Volleyball verschrieben. Als Spieler war er Passeur und hat mit einigen der weltbesten Spieler aus Brasilien zusammengespielt. Trainer ist er geworden, weil er auf seiner Suche nach Perfektion gesehen hat, dass es einen gibt welcher am Pass noch besser ist als er selbst und dies war kein Geringerer als Doppel-Olympiasieger Mauricio Lima. Eloquent gibt Léo, wie ihn die Spieler nennen, Auskunft über seinen Beruf, seine Passion und dabei wird klar wieviel er über diesen Sport weiss.
Wer ist Leonardo Carvalho?
LC: Oh, es ist für mich ziehmlich schwierig über mich selbst zu berichten. Aber sicher bin ich ein umgänglicher Mensch und habe viel Verständnis für die Leute um mich herum. Ich strebe immer die Perfektion an, weiss aber dass sie zu erreichen äusserst schwierig ist, dass sie immer von vielen Unbekannten abhängt und nicht alles von mir beeinflusst werden kann. In Brasilien gibt es ein Sprichwort das heisst: „Halte dich an deine Abmachungen, das ist der einfachste Weg durchs Leben zu schreiten“. Und genau danach lebe ich auch und erwarte dies natürlich auch von meinen Athleten und dem Klub. Ich bin aber gleichzeitig auch immer offen für das Gespräch und weiss genau, dass es nicht nur meine Wahrheit gibt. In meinem Job erlebe ich viele Siege aber auch Niederlagen, so bin ich nie himmelhoch-jauchzend-zu-Tode-betrübt, sondern ein sehr ausgeglichener Typ und nehme mich auch nicht zu wichtig. Im Zeichen des Fisches geboren, bin ich praktisch und sehr professionell und kann Dinge auseinander halten.
Wie sind Sie zum Volleyball gekommen?
LC: Zum Glück bereits sehr früh, ich war glaube ich 11 Jahre alt. Selbstverständlich habe ich auf der Strasse mit den Jungs auch Fussball gespielt, aber ich war nie richtig gut, obwohl ich sonst sehr polysportiv veranlagt bin. In der Schule auf dem Pausenplatz habe ich aber meist Volleyball gespielt, es war als Brasilien in der Halle an Olympia in Los Angeles 1984 zum ersten Mal eine Medaille (Silber) gewann. Dieser Erfolg wurde von den Medien bereits damals gewaltig abgedeckt und so mutierten schon damals viele Jungs zum Volleyball. Es gab mir und vielen andern einen tollen Schub. Mit 14 wusste ich bereits, dass Volleyball einen wichtigen Platz in meinem Leben einnehmen würde.
Und wie wurden Sie Volleyball-Trainer?
LC: Während zehn Jahren habe ich als Passeur gespielt und so alle Stationen von der ersten Jugendmannschaft in Niterói, der Rio-Auswahl über die U-18 Nationalmannschaft (wir wurden 1990 Weltmeister) bis in die Superliga durchlaufen. Diese Weltmeisterschaft war übrigens für diese Alterskategorie die Allererste und ein gewisser Marcelo Negrão (1992 in Barcelona mit der Seleção Olympiasieger) bekam von mir als Passeur die Bälle zugespielt. Es ging weiter mit Südamerika-Meisterschaften bis ich dann bei Banespa (Klubteam einer bras. Grossbank) der zweite Passeur war. Der erste Passeur war kein Geringerer als Mauricio Lima. Zweifacher Olympiasieger und während mehr als zehn Jahren Stammpasseur in der Mannschaft von Zé Roberto Guimarães und nachher Bernardinho. Ich sah, dass ich niemals so gut werden würde wie Mauricio, zu seiner Zeit wohl der Beste seines Fachs. Trotzdem habe ich noch mit grossen Namen in der selben Mannschaft gespielt. Da war Tande, Montanaro, Renan und viele mehr. Aber ich sah einfach, dass ich niemals einer der absolut besten Passeure des Landes werden konnte. So habe ich bereits mit 23 Jahren begonnen Trainer zu werden und seither, in 13 harten Jahren viel Erfahrung gesammelt und immer gelernt und noch mehr gelernt.
Was fasziniert Sie am meisten am Trainerjob?
LC: Wohl ist es der mentale Aspekt auf welchen ich bei einem Athleten am meisten Einfluss nehmen kann. Wenn einer die physischen Voraussetzungen hat und das volleyballerische Handwerk von Grund auf gelernt hat, dann kann er ein sehr guter Spieler werden auch wenn er nicht ein riesiges Talent ist. Dies aber nur, wenn er auch die Einstellung mitbringt wirklich immer das Beste aus sich herauszuholen.
Bei einem Fussballspieler reicht das allein nicht aus, denn er braucht wirklich sehr viel Talent. Im Volleyball gibt es Beispiele bei denen aus einem durchschnittlichen Spieler dank Einstellung und richtiger Führung der Trainer ein Top-Spieler geworden ist.
Ich kann also als Trainer echt etwas bewirken und sehen wie gute Spieler immer noch besser werden. Ein Spieler mit Nervenflattern kann lernen dieses in den Griff zu bekommen. Natürlich braucht das Zeit, aber es ist möglich. So bin ich also in meiner Funktion das fundamentale Element in diesem Prozess und das fasziniert mich absolut.
Welches ist ihr Stil als Trainer?
LC: Ich bin sehr klar in meiner Führung. Mit der Mannschaft zusammen verfolgen wir ein Ziel und wenn ich darum kämpfen muss dieses zu erreichen, dann kämpfe ich. Hier gibt es bei mir keine Kompromisse. Leonardo Carvalho (dt. Eiche) ist hart wie Eichenholz im Erreichen der gemeinsam festgesetzten Vorgaben. Ich treffe dann meine ureigenen Entscheide um in Teilschritten diese Ziele zu erreichen. Die paar Mal bei denen ich auf andere gehört habe, ist es schief gelaufen. So bin ich also sehr unabhängig und habe mir einige wichtige Wahrheiten entwickelt, welche alle aus der Praxis kommen. So muss zum Beispiel die technische Entwicklung eines Spielers immer parallel zur physischen laufen. Hier in Europa wird dieser Tatsache oft zu wenig Aufmerksamkeit beigemessen. Meine Spieler können sich darauf gefasst machen dass ihre Fitness in allen Aspekten auf ein sehr hohes Niveau gebracht wird.
Jedes Team ist nur so stark wie sein schwächstes Glied. So werden wir also ganz individuell bei jedem Spieler versuchen seine persönlichen Schwächen auszumerzen. Es nützt nichts wenn die Mannschaft eigentlich ganz ordentlich spielt, jedoch immer wieder an individuellen Fehlern einzelner Athleten scheitert.
Im heutigen Spitzenvolleyball sehen wir ein grosses Spezialistentum. Dem entsprechend werde auch ich meine Trainings organisieren. In individueller Arbeit werde ich alle Spieler ihren Chargen entsprechend trainieren lassen. Wenn einer seine Einheiten zu meiner Zufriedenheit erfüllt hat, kann er unter die Dusche. Dies wird genau so im Trainingszentrum unserer Nationalmannschaft praktiziert. Jeder weiss immer genau was ich man von ihm erwartet und es wird einfacher, wenn er sich anstrengt, sonst dauert es länger. Dieses System bringt aber die besten Resultate, die Erfolge Brasiliens im Herrenvolleyball zeugen davon.
Auch ich habe bereits jetzt viele konkrete Trainingseinheiten bereit, welche nur darauf warten in die Tat umgesetzt zu werden. Natürlich gibt es am Abend auch immer das Spieltraining, aber tagsüber steht das individuelle Training im Vordergrund. Das Team welches am wenigsten Fehler macht gewinnt!
Warum sind Sie überhaupt in die Schweiz gekommen?
LC: Das war eigentlich gar nie meine Absicht, aber durch den Kontakt mit Rafael Lins, (Ex-Captain von SEAT Volley Näfels 06/07) welcher auch bereits unter mir trainiert hat in seinen Juniorenzeiten, bin ich auf den Klub aus Näfels aufmerksam geworden. Er sagte mir, dass dieser Trainerjob genau das Richtige sei für mich. Obwohl ich eigentlich nicht daran glaubte, habe ich dann doch meine Unterlagen geschickt. Ich hatte ja nichts zu verlieren und so oder so wird das eine wichtige neue Erfahrung in meinem Leben.
Was machen Sie um die Näfelser Volleyballer wieder zum Erfolg zu führen?
LC: Der absolute Erfolg wäre die Zurückeroberung der verlorenen Titel. Aber das liegt im Moment noch weit weg. Darüber sprechen wir erst im nächsten Frühjahr. Zur Zeit bin ich daran eine Bestandesaufnahme zu machen und die Spieler kennen zu lernen. Schon jetzt spüre ich aber, dass alle hoch motiviert sind, es beginnt ja nun zum Glück alles wieder bei Null. Es spricht vieles dafür wieder Erfolg zu haben. Aber man sollte diesen nicht schon jetzt erwarten. Es nützt ja auch niemandem etwas wenn wir jetzt alles gewinnen um dann in der entscheidenden Phase ab Januar unser Pulver bereits verschossen zu haben. Auf jeden Fall werde ich neue Trainingsformen einführen, aber auch dies wird stufenweise geschehen. Man kann nicht alles auf einmal lernen. Diese Angewöhnungsphase ist sehr wichtig und wir werden versuchen uns nicht unter Druck setzen zu lassen. Ich will ein solides Team bilden, eines mit viel Herz und Kampfgeist und dies habe ich auch meinen Spielern gesagt.
Und welches ist Ihr persönliches Ziel?
LC: Ich will gewinnen. Ich will immer gewinnen. Wenn aber der Gegner ganz einfach stärker war, kann ich auch mal verlieren. Sehe ich aber, dass wir hätten gewinnen können und müssen, aber nicht alles für den Sieg getan haben, ist das schlimm für mich. Von jedem Spieler verlange ich, dass er immer sein absolut Bestes gibt, wie ich dies auch von mir selbst verlange. So kommen die Siege und Erfolge früher oder später ebenfalls.



























































































